Karriereanker nach Schein
Der Anker, den du nicht kennst
Karriereanker: Mann wartet vor dem Monitor, die Hände im Schoß
Illustration: KI-generiert

Es gibt eine Sorte Erschöpfung, die sich schwer erklären lässt. Die Aufgabe ist anspruchsvoll, das Team ist in Ordnung, die Bezahlung stimmt, und trotzdem fühlt sich der Job an wie ein Anzug, der eine Nummer zu eng geworden ist. Wer in dieser Lage über einen Wechsel nachdenkt, beginnt meistens mit der falschen Frage. Er fragt, was er noch werden könnte, statt zu klären, worauf er nicht verzichten kann. Der Karriereanker dreht diese Frage um.

Edgar Schein hat in den siebziger Jahren Absolventen über Jahre hinweg begleitet und dabei etwas Unspektakuläres festgestellt. Menschen bewegen sich beruflich sehr unterschiedlich, aber sie geben unter Druck immer dasselbe zuletzt auf.

Dieses Letzte nannte er den Anker. Er beschreibt keine Fähigkeit und kein Ziel, sondern das, was man behält, wenn man anderes aufgeben muss. Acht Karriereanker hat er beschrieben, darunter die fachliche Tiefe, die Führung im Sinne von General Management, die Autonomie, die Sicherheit, die unternehmerische Kreativität, die Hingabe an eine Sache, die Suche nach der schwierigsten Herausforderung und die Vereinbarkeit von Leben und Beruf.

Der eigene Anker ist selten der, den man vermutet. Das liegt daran, dass wir unsere Wünsche gut kennen und unsere Verzichtsgrenzen schlecht.

Elf Tage für eine Änderung

Ein Karriereanker allein sagt noch nichts. Spürbar wird er erst im Verhältnis zu dem, was die Rolle täglich von dir verlangt. Und dieses Verhältnis verschiebt sich, ohne dass es jemand beschließt.

Ein Beispiel, das ich in ähnlicher Form öfter höre. Ein Systemadministrator hat seine Umgebung jahrelang selbst gebaut. Er kannte jede Kiste, er hat abends etwas umgestellt, weil es besser war, und morgens lief es besser. Dann kam ein Ticketsystem. Dann ein Change-Board, das einmal die Woche tagt. Dann eine Freigabe durch die Sicherheit, dann eine zweite durch den Betrieb.

Jede dieser Regeln war für sich genommen vernünftig und wurde von unterschiedlichen Leuten aus unterschiedlichen Gründen eingeführt. Niemand hat je entschieden, ihm die Gestaltung wegzunehmen. Sie ist Schritt für Schritt aufgebraucht worden.

Heute macht er dieselbe Arbeit wie früher, nur dauert jede Änderung elf Tage. Er sagt, er sei ausgebrannt. Genauer wäre: Sein stärkster Anker, die Autonomie, bekommt seit Jahren nichts mehr zu essen. Der Rest stimmt ja.

Deshalb kann er auch nicht sagen, wann es gekippt ist. Er merkt nur, dass er sonntagabends anders atmet als früher. Wer seinen Anker nicht kennt, sucht in dieser Lage den Fehler bei sich oder bei den Kollegen. Wer ihn kennt, sieht ein strukturelles Problem und kann es benennen. Das ist der Unterschied zwischen „Ich schaffe das nicht mehr“ und „In dieser Rolle ist kein Entscheidungsspielraum mehr übrig, und den brauche ich.“

Die Beförderung, die dich ärmer macht

Der zweite Punkt ist noch unbequemer. Organisationen befördern nach Leistung, nicht nach Anker.

Wer fachlich hervorragend ist, wird irgendwann gefragt, ob er ein Team übernehmen will. Das ist gut gemeint und oft die einzige Anerkennung, die eine Organisation zu vergeben hat. Warum kluge Menschen trotzdem zögern, steht in dieser Notiz. Für jemanden mit einem starken Fachanker ist es allerdings ein Tausch, bei dem er genau das abgibt, was ihn trägt. Zwei Jahre später ist er eine mittelmäßig zufriedene Führungskraft und ein verlorener Experte, und alle wundern sich.

Das ist kein individuelles Versagen. Es ist das vorhersehbare Ergebnis eines Systems, das nur einen Weg nach oben kennt. Wer seinen Karriereanker kennt, kann hier etwas tun, was sonst fast unmöglich ist: ein gut gemeintes Angebot begründet ablehnen und einen anderen Vorschlag danebenlegen.

Der Anker erklärt nicht nur, was dich hält. Er erklärt auch, was dich nicht hält, und das ist bei Entscheidungen oft das Wertvollere.

Wenn Sicherheit bei dir weit unten steht, werden ein sicherer Arbeitsplatz und eine gute Altersversorgung deine Entscheidung nie tragen. Du wirst diese Argumente hören, du wirst sie vernünftig finden, und sie werden trotzdem nichts bewegen. Wer das weiß, hört auf, sich für undankbar zu halten, und schaut stattdessen, was ihn tatsächlich hält. Nicht selten sind es die Menschen und nicht die Aufgabe. Das ist ein guter Grund, aber ein anderer als der vermutete, und er führt zu einer anderen Entscheidung.

Deinen Karriereanker findest du in deinen Neins

Der Fragebogen nach Schein ist in zwanzig Minuten ausgefüllt und lohnt sich. Er hat allerdings eine Schwäche, die man kennen sollte. Er fragt nach Zustimmung, und Zustimmung fällt leicht. Fast alle Aussagen klingen erst einmal richtig.

Deshalb ist die Auswertung für mich nicht das Ergebnis, sondern der Einstieg. Im Karriere-Coaching lege ich die Rangfolge neben drei Situationen, in denen du nein gesagt hast. Nicht die großen Entscheidungen, sondern die kleinen. Das Projekt, das du nicht übernehmen wolltest. Die Rolle, bei der du gezögert hast, obwohl sie nach außen eine Verbesserung war. Der Wechsel, den du abgesagt hast, ohne es gut begründen zu können.

Meistens passen Fragebogen und Verhalten an zwei Stellen zusammen und an einer nicht. Diese eine Stelle ist die interessante. Dort steht entweder ein Anker, den du dir nicht zugestehst, oder einer, den du von außen übernommen hast, weil er in deinem Umfeld als erstrebenswert gilt.

Danach lässt sich die eigentliche Arbeit machen, nämlich die Frage, welche Rolle zu dieser Rangfolge passt und was davon in deiner jetzigen schon möglich wäre. Erstaunlich oft ist die Antwort nicht der Wechsel, sondern eine Verhandlung, die nie geführt wurde.

In diesen Situationen zeigt sich der Anker deutlicher als in jeder Wunschliste. Denn dort hast du längst entschieden, worauf du nicht verzichten willst. Du hast es nur noch nicht benannt.

Woran würdest du in drei Monaten merken, dass es sich gelohnt hat?

Das ist meine erste Frage im Coaching. Nicht als Kontrolle, sondern damit ein Vorhaben etwas bekommt, wogegen man es abwägen kann.

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