Führung jenseits der eigenen Reichweite
Ich muss dafür sorgen, dass es gelingt

Loslassen als Führungskraft klingt nach einer Haltungsfrage. Meistens ist es Handwerk. Und es fängt bei einem Satz an, den kaum jemand ausspricht, den aber viele mit sich herumtragen: Ich muss dafür sorgen, dass es gelingt.

Der Satz ist der Grund, warum viele Menschen in Führung dort sitzen, wo sie sitzen. Er hat sie durch Vorhaben getragen, die andere längst abgeschrieben hatten. Man verteilt keine Beförderungen an Leute, die zucken, wenn es eng wird.

Und ab einem bestimmten Punkt ist genau dieser Satz das, was sie ausbremst. Weil er ein Versprechen enthält, das niemand allein einlösen kann.

Es gibt in fast jedem Vorhaben den Moment, in dem das Ziel den Raum verlässt. Beschlossen, genickt, verstanden. Dann gehen die Leute raus und fangen an zu arbeiten, und ab da entscheidet jemand anderes, wie es wirklich läuft.

Wer den Satz mit sich trägt, wird an dieser Stelle unruhig. Nicht weil etwas schiefgeht, sondern weil er es nicht mehr sieht. Der Reflex heißt dann näher ran. Ein zusätzlicher Termin, der Sync heißt, weil Sync nach weniger Termin klingt als Termin. Eine Frage im Vorbeigehen, eingeleitet mit „nur ganz kurz“, die im Team vierzig Minuten Nacharbeit auslöst. Teams hören die Botschaft dahinter zuverlässig, auch wenn sie nie ausgesprochen wird. Sie liefern dann Statusfarben statt Sachstand, und Gelb bedeutet nicht mehr „gefährdet“, sondern „ich möchte darüber noch nicht sprechen“. Chris Argyris hat solches Verhalten defensive Routinen genannt: Sie schützen vor Peinlichkeit und halten dabei genau die Information zurück, die man zum Steuern bräuchte.

Der unangenehme Teil vorweg

Es geht schief. Nicht immer, aber oft genug, dass man es nicht wegmoderieren sollte.

Manchmal machen andere es anders, als du es gemacht hättest, und das Ergebnis ist schlechter. Manchmal siehst du eine Wand kommen und hast dich entschieden, es machen zu lassen. Diesen Moment auszuhalten ist der eigentliche Preis. Wer ihn nicht zahlen will, delegiert nicht, sondern veranstaltet eine Prüfung mit verzögerter Rückmeldung und wundert sich später, warum niemand Initiative gezeigt hat.

Es hilft, vorher zu klären, was schiefgehen darf. Manche Wände sind Lernerfahrungen mit Blechschaden, andere kosten Geld, Vertrauen oder Menschen. Bei der ersten Sorte hältst du still. Bei der zweiten ist Eingreifen deine Aufgabe. Wer das nicht vorher unterscheidet, unterscheidet es im Affekt, und im Affekt greift immer der alte Reflex.

Und wenn es schiefgegangen ist und du hattest recht, dann ist der einzige Satz, den du dir sparen solltest, der, den du am liebsten sagen würdest. Ein „ich hatte es geahnt“ kostet dich die nächsten zwei Jahre Offenheit. Danach bekommst du wieder grüne Ampeln.

Loslassen als Führungskraft hat ein Imageproblem

Das Wort riecht nach Achtsamkeitsseminar und danach, dass gleich jemand vorschlägt, den Atem zu beobachten. Mit dem, was in der Rolle tatsächlich passiert, hat das wenig zu tun. Gemeint ist etwas ziemlich Unromantisches. Loslassen heißt: Du weißt, wie du es machen würdest, du hältst es für besser, und du sagst es trotzdem nicht.

Und es ist keine einmalige Entscheidung. Man tritt nicht in einem großen Moment zurück und ist dann fertig damit. Loslassen besteht aus hundert kleinen Unterlassungen, verteilt über Wochen. Die Nachricht, die du nicht schreibst. Der Kommentar im Dokument, den du löschst, bevor du ihn abschickst. Die Sitzung, in die du nicht gehst, obwohl du genau wüsstest, was du dort sagen würdest. Der Impuls kommt jeden Tag zurück, meistens gut verkleidet als Verantwortungsgefühl.

Von der billigen Variante ist das von außen kaum zu unterscheiden. Wer nichts sagt, weil er nichts mehr wissen will, wirkt wie jemand, der Vertrauen schenkt. Bis es kracht. Der Unterschied liegt nicht im Zurückhalten, sondern darin, ob du vorher gearbeitet hast:

  • Kann die Person die Aufgabe im Ernstfall, nicht nur auf dem Papier
  • Kennt sie die Absicht und nicht nur das Ziel
  • Ist geklärt, wer was allein entscheidet, und zwar bevor es eng wird
  • Kann sie dich holen, ohne dass dieses Holen sie etwas kostet
  • Ist benannt, was ein echter Anlass zum Eingreifen wäre

Wenn das steht, ist Loslassen Führung. Wenn nicht, ist es Bequemlichkeit mit besserem Vokabular.

Der letzte Punkt ist der, den die meisten überspringen. „Wenn ich ein ungutes Gefühl habe“ taugt nicht als Anlass, denn das ungute Gefühl hast du am zweiten Tag. Eine Abhängigkeit reißt, ein Termin verschiebt sich zum zweiten Mal, jemand meldet, dass er nicht weiterkommt: das sind welche. Und wenn du dann eingreifst, dann mit Ansage, mit Grund und mit einem Zeitpunkt, an dem du wieder rausgehst. Ein Eingriff, der als beiläufiges Interesse getarnt ist, richtet mehr Schaden an als eine klare Übernahme. Die Verkleidung schützt nur dich.

Ein Wort im Satz

Der Satz vom Anfang steht selten irgendwo geschrieben, in keiner Rollenbeschreibung, in keinem Feedbackbogen. Was nie ausgesprochen wird, muss auch nie überprüft werden.

Weg muss er trotzdem nicht. Er muss nur an einer Stelle nachgeben. Nicht beim Anspruch, sondern bei der Zuständigkeit:

Ich sorge für die Bedingungen,
unter denen es andere gelingen lassen können.

Ein brauchbarer Prüfstein ist eine leicht peinliche Beobachtung. Achte darauf, wann du anfängst, Dinge selbst zu machen, die nicht deine sind. Die Folie, die du eben schnell selbst baust. Das Ticket, das du auf dem Weg mal eben mitnimmst. Das ist selten der Moment, in dem das Team versagt. Das ist der Moment, in dem du deine eigene Grenze nicht mehr aushältst.

Wo hört dein Einfluss auf. Und woran merkst du es, bevor es die anderen merken. Wenn du gerade an so einer Stelle stehst, schauen wir im Erstgespräch gemeinsam drauf.

Häufige Fragen

Was bedeutet Loslassen als Führungskraft konkret?

Loslassen als Führungskraft heißt, die Umsetzung nicht zu übernehmen, obwohl du wüsstest, wie du es machen würdest. Es ist keine einmalige Entscheidung, sondern eine Reihe kleiner Unterlassungen im Alltag: die Nachricht, die du nicht schreibst, der Kommentar, den du löschst, die Sitzung, in die du nicht gehst.

Wie unterscheide ich Loslassen von Wegsehen?

Am Zeitpunkt der Arbeit. Loslassen setzt voraus, dass die Person die Aufgabe im Ernstfall kann, die Absicht kennt und nicht nur das Ziel, dass Entscheidungsrechte geklärt sind, bevor es eng wird, und dass sie dich ohne Gesichtsverlust holen kann. Wegsehen verzichtet auf diese Vorarbeit und sieht von außen fast gleich aus.

Wann darf ich als Führungskraft wieder eingreifen?

Wenn ein vorher benannter Anlass eintritt, nicht wenn das Bauchgefühl es sagt. Brauchbare Anlässe sind konkret: eine Abhängigkeit reißt, ein Termin verschiebt sich zum zweiten Mal, jemand meldet, dass er nicht weiterkommt. Der Eingriff selbst gehört angekündigt, mit Grund und mit einem Zeitpunkt, an dem du wieder rausgehst.

Warum fällt Loslassen gerade erfahrenen Führungskräften schwer?

Weil der innere Satz „Ich muss dafür sorgen, dass es gelingt“ sie erfolgreich gemacht hat. Er bindet den eigenen Wert an ein Ergebnis, das andere produzieren. Die Verschiebung besteht darin, Wirksamkeit an den Bedingungen zu messen statt an der Umsetzung.

Woran würdest du in drei Monaten merken, dass es sich gelohnt hat?

Das ist meine erste Frage im Coaching. Nicht als Kontrolle, sondern damit ein Vorhaben etwas bekommt, wogegen man es abwägen kann.

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